Keine Ahnung, ob dieses Video hier virales Marketing sein soll (hochgeladen wurde es vom "Sr. Director Internet Marketing" bei Infor, also wird's wohl so sein). Text und Aussage sind zwar noch genauso peinlich wie zuvor, aber luschtig ist's trotzdem.
Mein Name ist Ulrich Fuchs, ich unterstütze als freier Berater Anwenderunternehmen und Beratungshäuser in allem, was im Umgang mit dem ERP-System "Infor LN" und seinen Vorgängerversionen (Baan IV, Baan V) so an Aufgaben anfällt. Ich bin Projektleiter, Berater und Softwareentwickler, und weil ich alle drei Rollen tatsächlich beherrsche, bin ich der Joker immer dann, wenn's anspruchsvoll wird.
Weil Neuigkeiten, über die ich so stolpere, vielleicht auch für andere interessant sind, gibt's dieses Blog. Meine Kontaktdaten finden Sie unter www.ulrich-fuchs.de.
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Montag, 25. Januar 2010
Dienstag, 8. Dezember 2009
Der Flughafen von Atlanta,
den ich jetzt mal wieder - unterwegs zu einem Kunden in Mexiko - stundenlang mit meiner Anwesenheit beehrt habe, zeichnet sich neben den netten Mädels an der Bar in Terminal E auch dadurch aus, dass die Sicherheitsleute in einer Geschwindigkeit auf Segways rumflitzen, für die die Dinger in Deutschland nie ne Zulassung kriegen werden.
Und, wie ich jetzt eben feststellen musste, auch durch die neuen Plakate von Infor:
Kein Wunder, ist Atlanta doch der Flughafen, von dem Jim Schaper und Co. wohl meistens fliegen dürften (Infor's Hauptsitz Alpharetta liegt gleich daneben). Und bislang hat da nicht Infor plakatiert, sondern eben die Konkurrenz:
Bei diesen Plakaten habe auch ich Angst bekommen.
Und, wie ich jetzt eben feststellen musste, auch durch die neuen Plakate von Infor:
Kein Wunder, ist Atlanta doch der Flughafen, von dem Jim Schaper und Co. wohl meistens fliegen dürften (Infor's Hauptsitz Alpharetta liegt gleich daneben). Und bislang hat da nicht Infor plakatiert, sondern eben die Konkurrenz:
Bei diesen Plakaten habe auch ich Angst bekommen.
Freitag, 13. November 2009
Vielleicht
sollte sich Jim Schaper das hier mal anhören. Da erfährt er mal - recht gut auf den Punkt gebracht - welche Probleme die Infor-Kunden so mit ihrer Software und ihrem Anbieter haben.
Wie sehr kann eigentlich Fremd- und Selbstwahrnehmung einer Firma auseinanderdriften, bevor das Marketing merkt, wie lächerlich man sich bei den Bestandskunden mit sowas macht?
Oder damit:
Manifeste waren ja seit dem kommunistischen solchen lange aus der Mode geraten, aber in der Softwarebranche feiern sie gerade wieder fröhliche Urständ. Das schöne Sprüchlein da oben ist ein "Manifest", das sich Infor jetzt zugelegt hat, zu finden unter der jüngsten Pressemeldung zum neuen Marketing-Chef Robert Humphrey. Alle paar Jahre rennt die selbe Sau durch's Dorf: Zu Baan-Zeiten klang das ziemlich ähnlich (ich zitiere aus dem Image-Büchlein "The way we build Baan - ongoing innovation"):
Hallo?
Mit so ein Henadreck, da triggern sie doch keine einzige Pörchäsdisischen!
Herstellkostenkomponenten im Service und im Project, das braucht's. Bessere PCS-Features im Bereich AiU und Umsatzgenerierung, das brauchts. Eine überarbeitete Fibu wäre auch nett. Eine neue Report-Engine, die braucht's ganz furchtbar dringend schon seit fünf Jahren. Verfügbaren Sourcecode auf jedem Kundensystem, das braucht's. Je mehr Funktionalitäten durch die Anwendung abgedeckt werden, um so dringender. Eine Infor, die Kunden wirklich als Partner versteht, und nicht als notwendiges Übel, in das sich Vertragsabschlüsse unbegreiflicherweise verwandeln, die braucht's ganz besonders. In Echt, nicht im Web.
Vom Sprücheklopfen gibt's weder neue Features, noch werden aus Slides SOA-Komponenten, noch wird weder die Software flexibler, noch schneller einführbar.
Schon gar nicht kriegen die eins auf's Dach, die sich sich bspw. sowas haben einfallen lassen. "We believe that the customer is seeking a better, more collaborative relationship with its business software provider." Ja, is klar, ne. Hier, kriegst' nen Euro, kauf dir ein Eis.
Auf diese angeberischen Sprücheklopfereien, auf diese heiße, substanzlose Luft, die da aus Amerika herüberweht, kann ich gut verzichten. Keine Ahnung, vielleicht häng ich ja zu viel in mittelständischen deutschen Unternehmen rum.
Liebes deutsches Infor-Marketing: Springt bloß nicht auf diesen Zug auf, bitte.
Wie sehr kann eigentlich Fremd- und Selbstwahrnehmung einer Firma auseinanderdriften, bevor das Marketing merkt, wie lächerlich man sich bei den Bestandskunden mit sowas macht?
Oder damit:
"At Infor, we work with a core belief. We believe in the customer. We believe that the customer is seeking a better, more collaborative relationship with its business software provider."
Manifeste waren ja seit dem kommunistischen solchen lange aus der Mode geraten, aber in der Softwarebranche feiern sie gerade wieder fröhliche Urständ. Das schöne Sprüchlein da oben ist ein "Manifest", das sich Infor jetzt zugelegt hat, zu finden unter der jüngsten Pressemeldung zum neuen Marketing-Chef Robert Humphrey. Alle paar Jahre rennt die selbe Sau durch's Dorf: Zu Baan-Zeiten klang das ziemlich ähnlich (ich zitiere aus dem Image-Büchlein "The way we build Baan - ongoing innovation"):
"- focusing on the specific wishes of our clients who have shown their trust in our company by investing in our products. [...] Conducting oneself ethically. Values such as honesty, sincerity and respect define the ethical behaviour of our company"Das ganze ist übrigens Teil einer neuen Kampagne, www.downwithbigerp.com, bei der aus allen Rohren geschossen wird. Alles dabei, Interviews, Kundenstatements. Man ist sich noch nicht mal zu schade, zu facebooken und zu pseudo-twittern und auf der Konkurrenz rumzuzhacken.
Hallo?
Mit so ein Henadreck, da triggern sie doch keine einzige Pörchäsdisischen!
Herstellkostenkomponenten im Service und im Project, das braucht's. Bessere PCS-Features im Bereich AiU und Umsatzgenerierung, das brauchts. Eine überarbeitete Fibu wäre auch nett. Eine neue Report-Engine, die braucht's ganz furchtbar dringend schon seit fünf Jahren. Verfügbaren Sourcecode auf jedem Kundensystem, das braucht's. Je mehr Funktionalitäten durch die Anwendung abgedeckt werden, um so dringender. Eine Infor, die Kunden wirklich als Partner versteht, und nicht als notwendiges Übel, in das sich Vertragsabschlüsse unbegreiflicherweise verwandeln, die braucht's ganz besonders. In Echt, nicht im Web.
Vom Sprücheklopfen gibt's weder neue Features, noch werden aus Slides SOA-Komponenten, noch wird weder die Software flexibler, noch schneller einführbar.
Schon gar nicht kriegen die eins auf's Dach, die sich sich bspw. sowas haben einfallen lassen. "We believe that the customer is seeking a better, more collaborative relationship with its business software provider." Ja, is klar, ne. Hier, kriegst' nen Euro, kauf dir ein Eis.
Auf diese angeberischen Sprücheklopfereien, auf diese heiße, substanzlose Luft, die da aus Amerika herüberweht, kann ich gut verzichten. Keine Ahnung, vielleicht häng ich ja zu viel in mittelständischen deutschen Unternehmen rum.
Liebes deutsches Infor-Marketing: Springt bloß nicht auf diesen Zug auf, bitte.
Samstag, 27. Juni 2009
It's magic
Die Hohenpriester der geschäftsführergeeigneten Aufarbeitung komplexer Sachverhalte haben wieder einmal mystische Zwiesprache mit dem MARKT gehalten, und setzen nun - nachdem sie seit 2005 still schweigend verharrt hatten - dem gebannt wartendem Volk das Wesen des MARKTes in Form zweier gekreuzter Linien und einiger Punkte zur Anbetung aus.
Gartner hat wieder einen Magischen Quadranten für ERP-Produkte veröffentlicht, mit dem Focus auf KMUs und "Tier-2"-Unternehmen, also den typischen deutschen Mittelstand.
Bei Infor mögen sie lange gezittert haben, und das Zittern hat sich gelohnt: ERP LN schneidet von allen Produkten in der Analyse am schlechtesten ab. "Nischenspieler" lautet das vernichtende Gesamturteil, Leistungsfähigkeit schwach, Vision nada, eine "risky choice". Ob nun in Alpharette, Barneveld und Hannover hektisches Treiben angesagt ist, weiß ich nicht. Aber ein "Setzen, Sechs" möchte man schonmal hinrufen dürfen.
Nun ist nicht alles Gold, was glänzt, und genausowenig ist alles Mist, was im unteren linken Garnter-Quadranten landet. Zumal einige Kriterien der Studie mir recht willkürlich gewählt erscheinen (Hauptsache, es steht SOA drauf und Microsoft, dann ist man Visionär...). Und zumal die Kriterien, nach denen die Punkte auf dem Quadranten angeordnet werden, so butterweich sind, dass das Bildchen und die daraus(!) resultierende Enordnung als "Markführer" oder "Nischenspieler" völliger Blödsinn sind. Ein Beispiel: Warum ist man Visionär, wenn man sich wie Microsoft Dynamix darauf verlässt, selbst kaum Funktionalität in die Software zu bauen, sondern das alles von kleinen Partnern dazuprogrammieren zu lassen, und warum ist man Nischenspieler wie ERP LN, wenn man versucht, eine breite Basisfunktionalität im Kernprodukt zu haben?
Ich würde ja am liebsten sagen, vergessen wir mal die managementverdauliche Kästchenmalerei, und lesen wir stattdessen mal das Kleingedruckte, nämlich die Analyse der Einzelprodukte. Aber genau das wird das Infor-Marketing und die Infor-Produktentwicklung leider wieder mal nicht tun, sondern sie werden sich wieder überlegen, wie sie mit noch bunteren Oberflächen und noch mehr unnötigen Technikschichten und noch mehr schlecht implementierten Buzzwords wieder in der Analystengunst steigen können.
Vergessen wir die Kästchenmalerei also nicht, aber lesen wir das Kleingedruckte trotzdem. Das ist nämlich stellenweise sogar ziemlich klarsichtig, sieht man vom Gejammer über eine fehlende SOA mal ab (da fällt mir ein, ich muss dringend mal ein Posting darüber machen, warum SOA kein einziges der Probleme lösen kann, die es zu lösen verspricht). Lesen wir auch nicht nur das ERP-LN-Kleingedruckte, lesen wir noch die Anmerkungen zu SyteLine mit und vergleichen das mit den Anmerkungen zur Konkurrenz.
Die Stärken
Epicor Vantage: "Einfach zu ändern und zu erweitern". Exact Globe: "Große Kundenbasis", IFS: "Weitreichende Funktionalität", Infor SyteLine: "Einfach zu ändern und zu erweitern", Lawson M3: "Weitreichende Funktionalität", Microsoft Dynamics AX ("Marktführer"!): "Das Benutzerinterface hat Office Look-and-Feel", Microsoft Dynamics Nav: "Gutes Marketing", Oracle EBS: "Weitreichende Funktionalität", Oracle JDE EnterpriseOne: "Ausgereifte Lösung", QAD Enterprise Applications: "Lange Erfahrung", SAP Business All in One: "Umfassend und skalierbar", Syspro: "Einfach anzupassen".
Neben ERP LN weisen für die Garnter-Analysten also nur noch die Produkte von IFS, Lawson, Oracle und SAP einen Funktionsumfang auf, der als "Stärke" erwähnenswert ist. Die Produkte der anderen sieben Anbieter weisen weniger Funktionen auf - kein Wunder, dass sie weniger komplex sind.
Nun ist der Funktionsumfang aber keineswegs das einzige Kriterium, das Gartner in Bezug auf seine "Ability-to-Execute"-Achse anlegt. In den diversen anderen Kriterien schneidet Infor anscheinend so schlecht ab, dass es der Funtionsumfang nicht mehr rausreisst:
Die Schwächen
Lektionen
"Einfach zu ändern und zu erweitern" ist bei vielen Produkten als Stärke angeführt. Das wäre Infor ERP LN auch. Man müsste nur die Developmentumgebung und am besten auch die Sourcen standardmäßig mit ausliefern, und dafür sorgen, dass die Leute, die beim Kunden an den Systemen programmieren, beigebracht kriegen, wie man das macht, ohne die Releasefähigkeit zu zerstören. Vielleicht sollte an der Stelle mal daran erinnert werden, dass Infor ERP LN mit seinem pVRC-Konzept über eine feingranulare Versionssteuerung verfügt, mit der kaum keine andere Technologie mithalten kann, wenn es darum geht, Anpassbarkeit mit Wartungsfreundlichkeit und geringem Konfigurationsaufwand zu verbinden. An diese Tugend müsste man sich auch bei Infor mal wieder erinnern, statt angepasste Systeme als zu vermeidendes Teufelszeug zu betrachten.
"Our biggest enemy is not SAP. Our biggest enemy is complexity" sagte Jan Baan schon 1996. Daran hat sich nichts geändert. Komplexität ist inhärent bei einem ERP-System, das mehr als triviale Warewirtschaft sein soll. Aber es wurde eine ganze Menge erreicht: Die Einführung des DAL-Konzeptes, die Kapselung von Funktionalität in DLLs, die Exception-orientierte Programmierung mit dem RETIFNOK-Makro (einfach wie vieles Geniale), UserExits und vieles mehr sind wichtige Hilfen, die Komplexität zu beherrschen. Diesen Weg heißt es fortzusetzen. Eine weitere Fragmentierung der Applikation (den SOA-Ansatz, nachdem die Analysten immer schreien) halte ich dagegen für einen Irrweg: Cross-Cutting-Business-Concerns (beispielsweise die Einführung von Vendor Managed Inventory) sind in solchen Architekturen deutlich schwieriger umzusetzen.
Das Ökosystem rund um ERP LN ist alles andere als artenreich. Und das Problem ist hausgemacht - Infor ist gnadenlos, wenn es darum geht, auch langjährige Partner "abzusägen" oder einfach nur auszutrocknen. Softwarelizenz? Nein, kannst Du nicht kriegen. Wartungsvertrag? Müssen wir jetzt leider kündigen. Sourcecode? Geschäftsgeheimnis. Softwaredokumentation? Hochsicherheitsgeschäftsgeheimnis. Entwicklungssystem? Na gut, aber verkaufen darfst Du nicht, was Du entwickelst. Effiziente Softwareanpassungen vor Ort durch Freelancer? Warum das denn, wenn wir doch in Indien eigene superbillige Entwickler sitzen haben?
Es gibt eine Firma in Deutschland, die sich ziemlich anders verhält: Ohne Entwicklungsumgebung kann man das System gar nicht betreiben, der Sourcecode ist mit dabei, die Hilfen im Web für jedermann zugänglich. Wenn man sich ein Buch für 50€ kauft, gibt's das Basissystem der Technikschicht (vergleichbar dem Infor Enterprise Server) auf DVD dabei. Diese Firma heißt SAP, für Ihre Produkte gibt es hunderte von Beratungshäusern, tausende von Freelancern, Bücher in den Buchhandlungen, jede Menge kostenlose Publicity und ein langes und lustiges Leben. Die Firma ist Marktführer im Großkundensegment, und die Infrastruktur gibt es nicht deshalb. Sondern SAP ist Marktführer, weil jede Menge Leute ein Interesse daran haben, rund um deren Produkte Umsatz zu machen. Microsoft, liebe Inforianer, ist laut Gartner Marktführer im SME-Segment. Und warum? Weil sie sich auf über 300 Partner verlassen, die die Software unters Volk bringen helfen.
Vertical Enabling. Es gibt ein paar Branchen, da passt LN einfach nicht genug, könnte aber mit wenig Aufwand passend gemacht werden: Für Automotive ist mit den Lieferabrufen fast alles dar, die haben nur noch ein paar kleine Designfehler, die ausgeräumt werden müssten. VDA-konforme Labels dazu und das Ding passt eigentlich. Warum geht man das nicht an, schmeißt eine Superspezialautomotivesoftware mit geringem Marktanteil dafür aus dem Portfolio und steckt deren Berater und Entwickler in die Entsprechende LN-Gruppe? Was im Bauchladen ist und mit wenig Aufwand in LN nachgebaut werden könnte, sollte in LN nachgebaut werden!
Für andere Branchen könnte man wirklich mehr auf Partner setzen. Siehe oben. Azteka macht mit Ihrer Social-Lösung doch vor, wie phantastisch gut sowas funktionieren kann. Nur muss man sich als Infor dann wirklich drauf einlassen, stabile und auf Dauer angelegte Partnerschaften einzugehen, und den Partner nicht im Regen stehen zu lassen, wenn die Zeiten härter werden. Auch was den Support angeht, ist dann dringend ein Umdenken nötig: Das "der ist ja kein Direktkunde, sondern Partnerkunde, der ist nicht so wichtig", was man leider immer noch im Supportverhalten merkt, muss einfach mal aufhören.
Konzentration auf's Kerngeschäft. ERP LN ist ein hervorragendes ERP System, das aber in manchen Punkten nochmal unter der Haube angepackt werden müsste. Refactoring nennt sowas der Softwareentwickler. Damit würde die Softwarequalität rauf gehen, und die Upgradekosten für Solutions und Featurepacks runter. Klickibuntifirlefanz muss für's Marketing sein, aber man sollte da nicht mehr investieren als unbedingt notwendig.
"Infor's huge ERP portfolio and it's financial situation will make it difficult to dedicate the R&D resources that will be needed to fundamentally modernize LN and to execute a next-generation vision", schreibt Gartner.
Ich bin nicht sicher, ob ein LN fundamental modernisiert werden muss. Der monolithische Ansatz hat sich letztendlich bewährt. Sieht man mal davon ab, dass es die IT Branche es bis heute nicht geschafft hat, für ERP-Systeme ein wirklich tragfähiges Modulkonzept zu entwickeln, bei dem Teilkomponenten einfach ausgetauscht bzw. aktualisiert werden können, ohne das Restsystem zu beeinflussen: Anwendungsunternehmen, gerade im Mittelstand, wollen sich nicht ein System "zusammenstecken". Sie wollen ein System kaufen, das "alles kann". Und das liefert Infor derzeit einfach nicht sichtbar genug.
Gartner hat wieder einen Magischen Quadranten für ERP-Produkte veröffentlicht, mit dem Focus auf KMUs und "Tier-2"-Unternehmen, also den typischen deutschen Mittelstand.
Bei Infor mögen sie lange gezittert haben, und das Zittern hat sich gelohnt: ERP LN schneidet von allen Produkten in der Analyse am schlechtesten ab. "Nischenspieler" lautet das vernichtende Gesamturteil, Leistungsfähigkeit schwach, Vision nada, eine "risky choice". Ob nun in Alpharette, Barneveld und Hannover hektisches Treiben angesagt ist, weiß ich nicht. Aber ein "Setzen, Sechs" möchte man schonmal hinrufen dürfen.
Nun ist nicht alles Gold, was glänzt, und genausowenig ist alles Mist, was im unteren linken Garnter-Quadranten landet. Zumal einige Kriterien der Studie mir recht willkürlich gewählt erscheinen (Hauptsache, es steht SOA drauf und Microsoft, dann ist man Visionär...). Und zumal die Kriterien, nach denen die Punkte auf dem Quadranten angeordnet werden, so butterweich sind, dass das Bildchen und die daraus(!) resultierende Enordnung als "Markführer" oder "Nischenspieler" völliger Blödsinn sind. Ein Beispiel: Warum ist man Visionär, wenn man sich wie Microsoft Dynamix darauf verlässt, selbst kaum Funktionalität in die Software zu bauen, sondern das alles von kleinen Partnern dazuprogrammieren zu lassen, und warum ist man Nischenspieler wie ERP LN, wenn man versucht, eine breite Basisfunktionalität im Kernprodukt zu haben?
Ich würde ja am liebsten sagen, vergessen wir mal die managementverdauliche Kästchenmalerei, und lesen wir stattdessen mal das Kleingedruckte, nämlich die Analyse der Einzelprodukte. Aber genau das wird das Infor-Marketing und die Infor-Produktentwicklung leider wieder mal nicht tun, sondern sie werden sich wieder überlegen, wie sie mit noch bunteren Oberflächen und noch mehr unnötigen Technikschichten und noch mehr schlecht implementierten Buzzwords wieder in der Analystengunst steigen können.
Vergessen wir die Kästchenmalerei also nicht, aber lesen wir das Kleingedruckte trotzdem. Das ist nämlich stellenweise sogar ziemlich klarsichtig, sieht man vom Gejammer über eine fehlende SOA mal ab (da fällt mir ein, ich muss dringend mal ein Posting darüber machen, warum SOA kein einziges der Probleme lösen kann, die es zu lösen verspricht). Lesen wir auch nicht nur das ERP-LN-Kleingedruckte, lesen wir noch die Anmerkungen zu SyteLine mit und vergleichen das mit den Anmerkungen zur Konkurrenz.
Die Stärken
- Breite und Stabile funktionale Basis für unterschiedlichste Branchen
- Große Kundenbasis
- Flaggschiff für Infor
Epicor Vantage: "Einfach zu ändern und zu erweitern". Exact Globe: "Große Kundenbasis", IFS: "Weitreichende Funktionalität", Infor SyteLine: "Einfach zu ändern und zu erweitern", Lawson M3: "Weitreichende Funktionalität", Microsoft Dynamics AX ("Marktführer"!): "Das Benutzerinterface hat Office Look-and-Feel", Microsoft Dynamics Nav: "Gutes Marketing", Oracle EBS: "Weitreichende Funktionalität", Oracle JDE EnterpriseOne: "Ausgereifte Lösung", QAD Enterprise Applications: "Lange Erfahrung", SAP Business All in One: "Umfassend und skalierbar", Syspro: "Einfach anzupassen".
Neben ERP LN weisen für die Garnter-Analysten also nur noch die Produkte von IFS, Lawson, Oracle und SAP einen Funktionsumfang auf, der als "Stärke" erwähnenswert ist. Die Produkte der anderen sieben Anbieter weisen weniger Funktionen auf - kein Wunder, dass sie weniger komplex sind.
Nun ist der Funktionsumfang aber keineswegs das einzige Kriterium, das Gartner in Bezug auf seine "Ability-to-Execute"-Achse anlegt. In den diversen anderen Kriterien schneidet Infor anscheinend so schlecht ab, dass es der Funtionsumfang nicht mehr rausreisst:
Die Schwächen
- Komplexer als die meisten anderen Mittelstandsprodukte, die Einführung verlangt signifikanten Aufwand.
- Die Qualität der Featurepacks erlaubt kein schmerzfreies Upgrade
- Es fehlen qualifizierte Consulting-Resourcen und Partner
- Die Open-SOA-Strategie wird LN nicht in eine Modellgetriebene Anwendung umwandeln
- Infors MyDay deckt sich nicht mit Garnter's Vision von "embedded analytics"
- Dann lamentiert Garnter, dass Anwender berichtet haben, dass der Umstieg von Baan IV auf LN ein großer Schritt ist und dass nicht mehr alle Funktionalität aus Baan IV-Erweiterungen (insb. Aerospace & Defence) in LN vorhanden sind.
- Und schließlich werden noch die geschätzten 4,5 Mrd Dollar Schulden erwähnt, die Infor inzwischen angehäuft habe.
Lektionen
"Einfach zu ändern und zu erweitern" ist bei vielen Produkten als Stärke angeführt. Das wäre Infor ERP LN auch. Man müsste nur die Developmentumgebung und am besten auch die Sourcen standardmäßig mit ausliefern, und dafür sorgen, dass die Leute, die beim Kunden an den Systemen programmieren, beigebracht kriegen, wie man das macht, ohne die Releasefähigkeit zu zerstören. Vielleicht sollte an der Stelle mal daran erinnert werden, dass Infor ERP LN mit seinem pVRC-Konzept über eine feingranulare Versionssteuerung verfügt, mit der kaum keine andere Technologie mithalten kann, wenn es darum geht, Anpassbarkeit mit Wartungsfreundlichkeit und geringem Konfigurationsaufwand zu verbinden. An diese Tugend müsste man sich auch bei Infor mal wieder erinnern, statt angepasste Systeme als zu vermeidendes Teufelszeug zu betrachten.
"Our biggest enemy is not SAP. Our biggest enemy is complexity" sagte Jan Baan schon 1996. Daran hat sich nichts geändert. Komplexität ist inhärent bei einem ERP-System, das mehr als triviale Warewirtschaft sein soll. Aber es wurde eine ganze Menge erreicht: Die Einführung des DAL-Konzeptes, die Kapselung von Funktionalität in DLLs, die Exception-orientierte Programmierung mit dem RETIFNOK-Makro (einfach wie vieles Geniale), UserExits und vieles mehr sind wichtige Hilfen, die Komplexität zu beherrschen. Diesen Weg heißt es fortzusetzen. Eine weitere Fragmentierung der Applikation (den SOA-Ansatz, nachdem die Analysten immer schreien) halte ich dagegen für einen Irrweg: Cross-Cutting-Business-Concerns (beispielsweise die Einführung von Vendor Managed Inventory) sind in solchen Architekturen deutlich schwieriger umzusetzen.
Das Ökosystem rund um ERP LN ist alles andere als artenreich. Und das Problem ist hausgemacht - Infor ist gnadenlos, wenn es darum geht, auch langjährige Partner "abzusägen" oder einfach nur auszutrocknen. Softwarelizenz? Nein, kannst Du nicht kriegen. Wartungsvertrag? Müssen wir jetzt leider kündigen. Sourcecode? Geschäftsgeheimnis. Softwaredokumentation? Hochsicherheitsgeschäftsgeheimnis. Entwicklungssystem? Na gut, aber verkaufen darfst Du nicht, was Du entwickelst. Effiziente Softwareanpassungen vor Ort durch Freelancer? Warum das denn, wenn wir doch in Indien eigene superbillige Entwickler sitzen haben?
Es gibt eine Firma in Deutschland, die sich ziemlich anders verhält: Ohne Entwicklungsumgebung kann man das System gar nicht betreiben, der Sourcecode ist mit dabei, die Hilfen im Web für jedermann zugänglich. Wenn man sich ein Buch für 50€ kauft, gibt's das Basissystem der Technikschicht (vergleichbar dem Infor Enterprise Server) auf DVD dabei. Diese Firma heißt SAP, für Ihre Produkte gibt es hunderte von Beratungshäusern, tausende von Freelancern, Bücher in den Buchhandlungen, jede Menge kostenlose Publicity und ein langes und lustiges Leben. Die Firma ist Marktführer im Großkundensegment, und die Infrastruktur gibt es nicht deshalb. Sondern SAP ist Marktführer, weil jede Menge Leute ein Interesse daran haben, rund um deren Produkte Umsatz zu machen. Microsoft, liebe Inforianer, ist laut Gartner Marktführer im SME-Segment. Und warum? Weil sie sich auf über 300 Partner verlassen, die die Software unters Volk bringen helfen.
Vertical Enabling. Es gibt ein paar Branchen, da passt LN einfach nicht genug, könnte aber mit wenig Aufwand passend gemacht werden: Für Automotive ist mit den Lieferabrufen fast alles dar, die haben nur noch ein paar kleine Designfehler, die ausgeräumt werden müssten. VDA-konforme Labels dazu und das Ding passt eigentlich. Warum geht man das nicht an, schmeißt eine Superspezialautomotivesoftware mit geringem Marktanteil dafür aus dem Portfolio und steckt deren Berater und Entwickler in die Entsprechende LN-Gruppe? Was im Bauchladen ist und mit wenig Aufwand in LN nachgebaut werden könnte, sollte in LN nachgebaut werden!
Für andere Branchen könnte man wirklich mehr auf Partner setzen. Siehe oben. Azteka macht mit Ihrer Social-Lösung doch vor, wie phantastisch gut sowas funktionieren kann. Nur muss man sich als Infor dann wirklich drauf einlassen, stabile und auf Dauer angelegte Partnerschaften einzugehen, und den Partner nicht im Regen stehen zu lassen, wenn die Zeiten härter werden. Auch was den Support angeht, ist dann dringend ein Umdenken nötig: Das "der ist ja kein Direktkunde, sondern Partnerkunde, der ist nicht so wichtig", was man leider immer noch im Supportverhalten merkt, muss einfach mal aufhören.
Konzentration auf's Kerngeschäft. ERP LN ist ein hervorragendes ERP System, das aber in manchen Punkten nochmal unter der Haube angepackt werden müsste. Refactoring nennt sowas der Softwareentwickler. Damit würde die Softwarequalität rauf gehen, und die Upgradekosten für Solutions und Featurepacks runter. Klickibuntifirlefanz muss für's Marketing sein, aber man sollte da nicht mehr investieren als unbedingt notwendig.
"Infor's huge ERP portfolio and it's financial situation will make it difficult to dedicate the R&D resources that will be needed to fundamentally modernize LN and to execute a next-generation vision", schreibt Gartner.
Ich bin nicht sicher, ob ein LN fundamental modernisiert werden muss. Der monolithische Ansatz hat sich letztendlich bewährt. Sieht man mal davon ab, dass es die IT Branche es bis heute nicht geschafft hat, für ERP-Systeme ein wirklich tragfähiges Modulkonzept zu entwickeln, bei dem Teilkomponenten einfach ausgetauscht bzw. aktualisiert werden können, ohne das Restsystem zu beeinflussen: Anwendungsunternehmen, gerade im Mittelstand, wollen sich nicht ein System "zusammenstecken". Sie wollen ein System kaufen, das "alles kann". Und das liefert Infor derzeit einfach nicht sichtbar genug.
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